FI-Schutzschalter selektiv oder unverzögert? Staffelschutz richtig planen

Von der Ismailkar-Redaktion · Stand: 29.09.2026

Kurzdefinition: Ein selektiver FI-Schutzschalter (Fehlerstrom-Schutzschalter, RCD) löst gezielt zeitverzögert aus. Er bleibt bei einem Fehler in einem nachgeschalteten Stromkreis stehen, damit nur die dortige Schutzeinrichtung abschaltet und die übrige Anlage weiter versorgt wird. Ein unverzögerter FI-Schutzschalter löst dagegen ohne gewollte Verzögerung aus.

Was bedeutet Staffelschutz?

Eine elektrische Anlage besteht aus mehreren Schutzebenen, die hintereinander liegen: von der Einspeisung über die Unterverteilung bis zum Endstromkreis. Fällt in der untersten Ebene ein Fehler an, soll dort abgeschaltet werden – und nicht in der Ebene darüber, die noch viele weitere Stromkreise versorgt.

Damit das zuverlässig funktioniert, müssen die Schutzgeräte zeitlich und in ihrer Empfindlichkeit aufeinander abgestimmt sein. Diese Abstimmung nennt man Staffelschutz oder Selektivität. Sie ist der Grund, warum es überhaupt selektive Fehlerstrom-Schutzeinrichtungen gibt.

Selektiv oder unverzögert: der Unterschied in Zahlen

Der Unterschied liegt in der Zeit, die das Gerät vor dem Abschalten verstreichen lässt. Die folgenden Werte stammen aus dem Datenblatt der ABB-Baureihe F200 B:

Merkmal Unverzögert Selektiv (S)
Nichtauslösezeit 10 ms 50 ms
Abschaltzeit bei 1 × IΔn max. 0,3 s 0,13 – 0,5 s
Abschaltzeit bei 2 × IΔn max. 0,15 s 0,06 – 0,2 s
Abschaltzeit bei 5 × IΔn max. 0,04 s 0,05 – 0,15 s
Stoßstromfestigkeit (8/20 µs) 3 kA 5 kA

Fehlerstrom-Schutzeinrichtungen sind nach IEC/EN 61008-1 (VDE 0664-10) genormt; für Typ B gilt zusätzlich DIN EN 62423 (VDE 0664-40). Die folgenden Werte stammen aus dem Datenblatt der ABB-Baureihe F200 B.

Die Nichtauslösezeit ist der entscheidende Wert: Sie gibt an, wie lange das Gerät einen Fehlerstrom „ignoriert“, bevor es überhaupt auslösen darf. Mit 50 ms ist ein selektives Gerät fünfmal so geduldig wie ein unverzögertes mit 10 ms – genug Zeit für die nachgeschaltete Schutzeinrichtung, den Fehler selbst zu klären.

Auffällig ist außerdem die höhere Stoßstromfestigkeit: Selektive Ausführungen sind mit 5 kA statt 3 kA angegeben. Das ist logisch – ein Gerät an der Einspeisung muss größere Energiemengen aushalten als eines am Endstromkreis.

Wann ist ein selektiver FI sinnvoll?

Ein selektiver FI-Schutzschalter gehört an die Stelle in der Anlage, an der ein Ausfall möglichst viele Stromkreise treffen würde. Typische Einbausituationen:

  • Als zentraler FI vor mehreren Unterverteilungen: Fällt dort ein Fehler an, sollen die nachgeschalteten FIs und FI/LS-Schalter zuerst auslösen.
  • Als vorgelagerte Schutzeinrichtung vor einer Kaskade: Jede Ebene erhält eine eigene, auf die darüberliegende abgestimmte Auslösezeit.
  • In Anlagen mit hoher Verfügbarkeitsanforderung: Wo ein ungeplanter Ausfall teuer wird, zahlt sich die Selektivität aus.

Für einzelne Endstromkreise im Haushalt ist ein selektiver FI dagegen in der Regel nicht nötig – hier genügt die unverzögerte Ausführung.

Woran erkennt man ein selektives Gerät?

Selektive Ausführungen sind in der Typenbezeichnung gekennzeichnet. Bei ABB trägt die Baureihe F200 B den Zusatz „S" – aus F204 B-40/0,3 wird F204S-40/0,3. In der Typentabelle des Herstellers steht die Spalte dann als „Typ B, Typ B S (selektiv)".

Bei Schneider Electric heißt die Kennzeichnung anders: Die Acti9-iID-Reihe führt die Zeitverzögerung als eigenes Auswahlkriterium. Der Schneider A9Z64440 ist laut Hersteller unverzögert ausgeführt; die selektive Variante ist ein separates Gerät (A9Z65440). Dasselbe gilt für den Schneider A9Z61463 – hier ist die selektive Ausführung A9Z65463.

Wichtig: Die Endung „SI" bei Schneider bedeutet nicht selektiv. Der Schneider A9Z61440 und der A9Z64440 tragen die Bezeichnung „B-SI" für die allstromsensitive Ausführung; beide sind laut Hersteller nicht selektiv. Wer Selektivität benötigt, muss gezielt die selektive Variante bestellen.

Praxisbeispiel: eine Kaskade aufbauen

Wie eine abgestufte Schutzkette in der Praxis aussieht, lässt sich an einem typischen Aufbau zeigen:

  1. Ebene 1 – Einspeisung: Ein selektiver Hauptleitungsschutzschalter (SLS) übernimmt den Überstromschutz, dahinter ein selektiver FI-Schutzschalter die Fehlerstromüberwachung der gesamten Anlage.
  2. Ebene 2 – Unterverteilung: Hier sitzen unverzögerte FI- oder FI/LS-Schalter, die einzelne Bereiche wie Küche, Bad oder Außenbereich versorgen.
  3. Ebene 3 – Endstromkreis: Ein FI/LS-Schalter schützt den einzelnen Stromkreis mit Fehlerstrom- und Leitungsschutz in einem Gerät.

Auch die Bemessungsfehlerströme werden gestaffelt: An der Einspeisung sind 300 mA oder 500 mA üblich, in den Endstromkreisen 30 mA. Zwei Regeln sind beim Aufbau entscheidend: Der maximal mögliche Betriebsstrom darf den Bemessungsstrom der Fehlerstrom-Schutzeinrichtung nicht überschreiten, und jede Ebene muss zeitlich zur darüberliegenden passen.

Häufige Fehler bei der Planung

  • Zwei unverzögerte FIs hintereinander: Ohne Zeitstaffelung kann im Fehlerfall jede der beiden Schutzeinrichtungen auslösen – die Anlage fällt großflächig aus.
  • Selektivität nur nach Strom, nicht nach Zeit: Selektivität entsteht durch die Kombination aus Auslösezeit und Bemessungsfehlerstrom, nicht durch die Stromstärke allein.
  • „SI" mit „selektiv" verwechseln: Die Herstellerkürzel sind nicht einheitlich. Im Zweifel entscheidet die Typentabelle des Datenblatts.
  • Bemessungsströme nicht prüfen: Der maximal mögliche Betriebsstrom darf den Bemessungsstrom der Fehlerstrom-Schutzeinrichtung nicht überschreiten.

Häufige Fragen

Muss ich überhaupt selektiv planen?

Nicht zwingend. In kleinen Wohnungsanlagen mit wenigen Stromkreisen reicht meist eine unverzögerte Ausführung. Sobald eine Anlage mehrere Unterverteilungen oder Stromkreise mit hoher Verfügbarkeitsanforderung hat, wird die Staffelung zum Thema.

Kann ich zwei selektive FIs hintereinander setzen?

Das ist nicht sinnvoll: Selektivität entsteht immer aus dem Verhältnis zweier Ebenen. Sinnvoll ist die Kombination aus einem selektiven Gerät an der Einspeisung und unverzögerten Geräten in den nachgeschalteten Stromkreisen.

Was kostet der Unterschied?

Selektive Ausführungen sind technisch aufwendiger und daher teurer als unverzögerte. Eine Preisangabe für Ihr Projekt erhalten Sie über die jeweilige Produktseite.

Wie erkenne ich ein selektives Gerät sicher?

Nur über die Typentabelle im Datenblatt des Herstellers. Die Kennzeichnung ist nicht herstellerübergreifend einheitlich – ABB nutzt den Zusatz „S", Schneider führt die selektive Variante als eigene Artikelnummer.

Fazit

Selektivität ist eine Frage der Anlagenstruktur, nicht des Preises. Wer eine Kaskade plant, sollte zuerst die Abschaltzeiten der einzelnen Ebenen festlegen und erst danach die Geräte auswählen. Für die Einspeisung eignen sich ein selektiver Hauptleitungsschutzschalter (SLS) oder ein selektiver FI; in den Endstromkreisen genügen unverzögerte Schutzgeräte. Für Anwendungen mit glatten Gleichfehlerströmen – etwa Frequenzumrichter oder Ladeeinrichtungen – kommt zusätzlich Fehlerstrom-Typ B in Frage.

Alle genannten Schutzgeräte finden Sie in unserer Kategorie FI-Schalter und FI-Schutzschalter. Ergänzend lohnt ein Blick auf Brandschutzschalter (AFDD), die Stromkreise zusätzlich gegen Fehlerlichtbögen absichern.

Quellen

  • ABB, Datenblatt FI-Schalter (RCCB) Typ B, Baureihe F200 B (9AKK107992A1523 Rev A): Nichtauslösezeiten, Abschaltzeiten und Stoßstromfestigkeit.
  • Schneider Electric, Produktseiten A9Z64440 und A9Z61463 (se.com): Fehlerstrom-Typ B-SI, Zeitverzögerung „Unverzögert", selektive Ausführung als separates Gerät.